„EINE KLEINE WEILE‟

„Eine kleine Weile, und ihr seht mich nicht mehr, und wieder eine kleine Weile, und ihr werdet mich sehen‟ (Joh 16,16; Übers. J. Kürzinger). 

Auf dieses Wort Jesu und seine frühere Aussage, dass er zum Vater geht (V. 10), reagieren die Jünger mit Unverständnis. Als sie miteinander sprechen fragen sie sich was Jesus damit wohl meine (VV. 17-18). Johannes will offensichtlich die Leser bzw. Hörer seines Evangeliums dazu herausfordern über die Bedeutung der Aussagen, die keineswegs eindeutig sind, nachzudenken. 

Der im heutigen Stundengebet vorgelesene Kommentar des hl. Augustinus zur dieser Stelle setzt das „Gehen zum Vater‟ mit Christi Himmelfahrt gleich. Die zweite „kleine Weile‟ ist demnach also die ganze Zeit von Christi Himmelfahrt bis seiner Wiederkunft. Eine Deutung auf die Zeit zwischen dem Tod des Herrn und seiner Auferstehung schließt Augustinus aus. Um seine Auslegung zu untermauern zitiert er den ersten Johannesbrief (2,18): „Kindlein, es ist letzte Stunde‟. Wenn die ganze nachösterliche Zeit die „letzte Stunde‟ ist, dann soll es uns nicht überraschen wenn sie im Evangelium auch „eine kleine Weile‟ gennant wird.

Aber die alternative Auslegung, die Augustinus ablehnt, wird nicht damit widerlegt. In V. 24 fordert Jesus zum Bittgebet in seinem Namen auf. Er sagt weiter (V. 26): „An jenem Tage werdet ihr in meinem Namen bitten‟. Benedikt Schwank bemerkt in seinem Johanneskommentar, dass ein solches Bittgebet nach der Wiederkunkft Christi „gegenstandslos‟ wäre. Es ist nach dieser Interpretation daher naheliegend, dass die zweite „kleine Weile‟ die tatsächlich kurze Zeit zwischen dem Kreuzestod Jesu und seiner Auferstehung ist. Aus dieser Perspektive muss der Tod Jesu als der erste Schritt im „Gehen zum Vater‟ verstanden werden. In der Zugehörigkeit der menschlichen Natur des Auferstandenen zur Sphäre Gottes wird dieser Vorgang vollendet. Dementsprechend teilt Jesus seinen Jüngern am Ostertag durch Maria Magdalena mit: „Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott‟ (20,17).

Wenn wir die interpretative Frage so lösen dürfen, bleibt die Doppeldeutigkeit der Aussage Jesu in Joh 16,16 doch reizvoll. Wenn es denkbar ist, die Zeit zwischen dem Abschluss der Ostererscheinungen und der Wiederkunft Christi als eine Zeit der Trauer und als Geburtswehen (16,21) darzustellen, so wird damit an die Trübsal der Kirche erinnert, worunter sie in dieser Welt leidet. Einerseits leben wir, besonders in der liturgischen Osterzeit, im Licht der Auferstehungsfreude, andererseits ist es in der Kirche immer Karfreitag, indem die Glieder Christi verfolgt und getötet werden; immer Karsamstag, indem wir uns nach dem sichtbaren Sieg des verborgenen Herrn sehnen. Das Evangelium dieses Sonntags ermutigt uns, die Passion der Kirche so zu erleben, dass wir die Verheißung jener Freude nicht vergessen, welche „niemand [uns] nehmen wird‟ (V. 22). (BG)