EIN DIPTYCHON DER BARMHERZIGKEIT

Joh 20,19-31: Das Evangelium des Oktavtags von Ostern

Die Entstehung des Festes Fronleichnam war die kirchliche Auswirkung einer Privatoffenbarung an die selige Julian von Lièges (✝︎ 1258). Ähnlich geht auch der „Barmherzigkeitssonntag‟ als solcher auf Privatoffenbarungen an die heilige Faustyna Kowalska (✝︎ 1938) zurück. Aber in diesem Fall handelt es sich dabei nicht um ein neues Messformular und Offizium, sondern um die Bezeichnung des Oktavtags von Ostern als „Barmherzigkeitssonntag‟, dessen Texte sich für diesen Zweck bereits eigneten. Das gilt vor allem für das Evangelium (Joh 20,19-31), worin die Bevollmächtigung der Jünger, Sünden zu vergeben (oder zu behalten), als Gabe des Auferstandenen durch den Heiligen Geist, dargestellt wird.

Diese Lesung aus dem Johannesevangelium enthält zwei Episoden, die eine Art Diptychon bilden. Die erste Episode ist die johanneische Fassung derselben Szene, die wir im Tagesevangelium des Dienstags in der Osteroktav finden, und zwar die am Ostertag geschehene Erscheinung des Auferstandenen vor den versammelten Jüngern in Jerusalem (Lk 24,36-47). In beiden Fassungen grüßt Jesus seine Jünger, indem er (wortwörtlich) „Euch der Friede‟ sagt und zeigt ihnen die Wundmale der Kreuzigung, in seinen Händen und Füßen bei Lukas, in seinen Händen und seiner Seite bei Johannes (was Joh 19,33-37 entspricht). Bei Lukas ist die Offenbarung des leibhaften Charakters des Auferstandenen eine Antwort auf die Befürchtung der Jünger, ein Gespenst zu sehen; sie freuen sich, als Jesus um etwas zu essen bittet, wobei er mit ihnen die Tischgemeinschaft wieder aufnimmt. Johannes hingegen betont die Freude der Jünger; von Zweifeln ist hier keine Rede. Überdies fällt das Motiv des Essens aus; erst in Joh 21 wird der Auferstandene einige Jünger zum Frühstück einladen. 

Die Vergebung von Sünden, die auch Lukas in dieser Szene erwähnt, ist noch wichtiger in der Fassung des Johannes. Hier ist Vergebung nicht nur Inhalt und Zweck der Verkündigung, sondern ein Auftrag, wozu die anwesenden Jünger hier und jetzt vom Auferstandenen durch das „Einhauchen‟, wobei er ihnen den Heiligen Geist übergibt, befähigt werden. Es versteht sich von selbst, dass diese Vergebung nur dann wirksam sein kann, wenn der Sünder echte Reue hat, deswegen spricht Jesus auch vom „Behalten‟ der Sünden. In einer Ausübung der Unfehlbarkeit der Kirche lehrte das Konzil von Trient am 25. November 1551, dass Joh 20,22-23 im Sinne der Vergebung von Sünden im Bußsakrament zu verstehen ist. (Das bedeutet nicht, dass die Beichtpraxis, wie sie sich im Laufe der Zeit, besonders ab dem 7. Jahrhundert entwickelte, als Brauch der Urkirche missverstanden wurde. Das Wesen des Sakraments ist von seinen späteren Formen zu unterscheiden.) 

Alle vier Evangelien schildern in den Reaktionen der Jünger auf die Ostererscheinungen eine Spannung zwischen Glauben und Zweifel. Im Johannesevangelium wird der Zweifel ausschließlich in der Figur des Thomas konzentriert. Seine hartnäckige Verweigerung des Glaubens – es sei denn, wenn seine strenge Bedingungen erfüllt werden – und die Überwindung seines Widerstands durch eine neue Erscheinung des Auferstandenen, bilden die zweite Episode in der heutigen Lesung. Auch mit Thomas geht Jesus barmherzig um: Er kommt seinem Wunsch nach persönlicher Erfahrung entgegen; dadurch wird Thomas zum großartigen Bekenntnis „mein Herr und mein Gott!‟ bewegt. Dieser Glaube ist das Ziel der „Zeichen‟, die Jesus gewirkt und Johannes erzählt hat. Aber der Glaube des Thomas wird vom Glauben derjenigen, die den auferstandenen Herrn nicht gesehen haben, übertroffen. Die künftigen Christen werden vom Herrn selbst – wie Maria durch Elisabeth in Lk 1,45 – wegen ihres Glaubens in dieser johanneischen Szene seliggepriesen. Das ist zugleich eine Einladung zum Glauben, ein Ruf zur Standhaftigkeit im Glauben und eine Ermutigung zum furchtlosen Bekenntnis. (BG) 

Beichtgelegenheiten im Distriktshaus am Barmherzigkeitssonntag (und jeden Tag): 9 bis 11 Uhr; 15 bis 17.30 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung (Tel. + 49 8385 1625)