DIE PASSIONSEVANGELIEN DER KARWOCHE

Außer Karmontag (wo die Salbung Jesu in Bethanien nach Johannes vorgelesen wird) und Gründonnerstag (die Fußwaschung beim letzen Abendmahl, die nur Johannes überliefert), bieten die Tage der Karwoche von Palmsonntag bis Karfreitag eine Lektüre der Passionserzählungen aus allen vier Evangelien. Diese werden in kanonischer Reihenfolge vorgetragen, also Matthäus (Sonntag), Markus (Dienstag), Lukas (Mittwoch), Johannes (Freitag). 

Die Textlänge der drei synoptischen Passionsevangelien ist in den verschiedenen Messbüchern unterschiedlich. Bis zur unter Papst Pius XII. durchgeführten Reform der Karwoche (1951-1955) wurde fast die gesamte Passionsgeschichte aus den synoptischen Evangelien gelesen, also von der Zeitangabe des nahen Passahfestes (Mt 26,1-2 & Parallelstellen) bis zur Grablegung Jesu, bzw. (in der Matthäuspassion) der Bewachung des Grabes durch Wächter (Mt 27,62-66). Es fehlte nur (in den Lesungen aus Markus und Lukas) der Hinweis auf die Frauen, die die Grablegung Jesu beobachteten. 

Die Reform Pius XII. hingegen hat die Lesungen der synoptischen Passionserzählungen drastisch gekürzt, indem die Perikopen erst mit dem Eintreten Jesu in das Grundstück Gethsemani beginnen (Mt 27,36 & Parallelstellen). Damit verschwindet aus dem römischen Messbuch die ganze synoptische Erzählung vom Komplott des Hohen Rates, von der Salbung Jesu in Bethanien (nach Matthäus und Markus), vom letzten Abendmahl (!) und von Jesu Voraussage der Zerstreuung seiner Jünger und des Wiedersehens in Galiläa nach seiner Auferstehung (nach Matthäus und Markus). (Die Einsetzung der Eucharistie nach Lukas blieb jedoch als Evangelium einer Votivmesse vom Allerheiligsten Altarsakrament erhalten.) Auch die Geschichte der Wächter am Grab wurde aus der Lesung der Matthäuspassion gestrichen. 

Später erkannten die römischen Behörden, dass die Kürzungen zu weit gegangen waren; dementsprechend wurde dieser Aspekt der Reform im Messbuch von 1970 teilweise rückgängig gemacht. Dort beginnt die Matthäuspassion mit dem Verrat des Judas vor dem letzten Abendmahl (26,14) und wird traditionsgemäß mit den Wächtern am Grabe abgeschlossen. Die traditionellen Perikopen kann man dort noch hören, wo die tridentinische Form der Karwoche gefeiert wird. Dies hat Rom im Jahr 2017 in einer begrenzten Zahl von Apostolaten der Priesterbruderschaft St. Petrus als Experiment gestattet. 

Die Länge der Johannespassion (18,1–19,42) hingegen bleibt in allen Formen des römischen Ritus unverändert. Das kann kaum anders sein. Zum einen werden das letzte Abendmahl und die hinzukommenden Abschiedsgespräche bei Johannes in sechs Kapiteln (12 bis 17) behandelt. Man könnte daher das vollständige Äquivalent zur synoptischen Passionsgeschichte bei Johannes in einem einzigen Gottesdienst kaum vorlesen! Zum anderen bildet Joh 18–19 eine strikte Einheit. Das zeigt der Evangelist mit der Erwähnung eines Gartens am Anfang wie am Ende der Erzählung. Die Passionsgeschichte bei Johannes beginnt mit der Zusammenkunft Jesu und seinen Jüngern in einem Garten und endet mit seiner Grablegung in einem Garten beim Kreuzigungsort. Der Kreis wird geschlossen, doch ist die Gartenszene der Bestattung gleichzeitig auf die Ostererzählung ausgerichtet. Denn in der Nähe des Grabes wird Maria Magdalena einem Mann begegnen, den sie für den Gärtner hält (20,15). (BG)