PASSIONSZEIT

Mit der ersten Vesper des 5. Sonntags in der Bußzeit verändert sich die Liturgie von „Quadragesima“ (d.h. vierzigtätige Fastenzeit) hin zur Passionszeit. Das erste sichtbare Zeichen in der Kirche dafür ist die Verhüllung der Kreuze und Statuen.

Von nun an stehen Offizium und Messe in besonderer Weise unter dem Zeichen des Kreuzes. Der Vesperhymnus Vexilla Regis („Die Standarten des Königs“) gibt dem Stundengebet den Ton vor, während das Messformular bis Gründonnerstag die Präfation vom Heiligen Kreuz verwendet. Ps 42 (Judica) bildet den Introitus des ersten Passionssonntags; dementsprechend fällt dieser Psalm an diesem Tag, aber auch in der ganzen Passionszeit, im Stufengebet aus. In diesem Punkt, wie auch im Ausfall des Gloria Patri beim Introitus und beim Lavabo, ähnelt die Passionsliturgie dem Requiem. In beiden Fällen passt die daraus resultierende Schlichtheit der Messe mit dem Drama, der Nüchternheit und der Tragik der geschilderten Situation gut zusammen. 

Während der ersten Passionswoche ist das Evangelium jeden Tag, außer Donnerstag, dem Johannes entnommen. Von nun an bis zum Ende der Pfingstoktav ist Johannes eigentlich der Evangelist, den die Liturgie am häufigsten zu Wort kommen lässt. Auch wenn Matthäus und nach ihm, Lukas, den Zyklus im Jahreskreis nach Erscheinung bzw. nach Pfingsten dominieren, ist Johannes jedoch die vorherrschende Stimme der Sonntage und Herrenfesttage der intensiven Zeit von der Passion bis zum Pfingstfest. Denn dieser Evangelist schildert in einer besonders dramatischen Weise den Konflikt zwischen Jesus, der im Namen seines Vaters lehrt und handelt, und seinen Zeitgenossen, die ihn verkennen und ablehnen. In der Osterzeit sind die tiefen Betrachtungen des Johannesevangeliums über den Sinn des Todes bzw. des „Weggehens“ Jesu zum Vater als Messperikopen aüßerst geeignet.  

Am Freitag in der ersten Passionswoche werden die sieben Schmerzen der Gottesmutter Maria in der Laudes und in der Messe kommemoriert. Mancherorts wird an diesem Tag die – sonst am 15. September übliche – Messe von den sieben Schmerzen gefeiert.

So wie der Prophet Isaia die Adventsliturgie (besonders im Stundengebet) prägt, so auch Jeremia die Passionszeit. Am Samstag vor dem Palmsonntag hören wir in der Lesung der Messe (Jer 18,18-23) die furchtbaren Flüche, die der verfolgte Prophet gegen seine Feinde ausspricht. Selbstverständlich dürfen sich Christen solche Flüche nicht ohne weiteres zu eigen machen, doch als Teil der Heiligen Schrift bzw. der Liturgie haben diese Fluchverse noch einen Sinn. Sie sind die Kehrseite des Schweigens und der Geduld Christi in dessen Passion. Jesus verzichtet auf Fluch und Bedrohung, denn er leidet, damit alle gerettet werden können. Doch durch den Appell des Propheten an die Rache Gottes wird das Übel der Verfolgung des Gerechten stark angeklagt. Das vermag uns auch daran zu erinnern, dass wir, wenn wir uns mit Gott nicht versöhnen lassen, das vor ihm zu verantworten haben. (BG)