AVE

Der Gruß des Engels an Maria im Rahmen der Fastenzeitsliturgie

Das heutige Fest Mariä Verkündigung (Evangelium: Lk 1,26-38a) fällt normalerweise in die vorösterliche Bußzeit. (Sollte der 25. März in die Karwoche bzw. Osteroktav fallen, dann wird das Fest erst nach der Oktav nachgeholt.) Die Weihnachtszeit hat, um es so zu formulieren, ihre Spur im Osterzyklus hinterlassen. Das erinnert uns an die tiefe Verbindung zwischen dem Weihnachts- und Osterfestkreis, denn der Zweck der Inkarnation des Sohnes Gottes ist die Erlösung der Menschheit durch dessen Kreuz und Auferstehung.  

Im Folgenden wollen wir das erste Wort des Grußes des Engels an Maria – das berühmte „ave“ – mit Blick auf die Einbettung des Festes in die Fastenzeitliturgie betrachten. 

Der Evangelist Lukas lässt im Griechischen den Engel zu Maria „chaire“ sagen. Das ist die gewöhnliche Grußformel der griechischen Sprache und wird in der lateinischen Bibel dementsprechend mit dem römischen Grußwort „ave“  („sei gegrüßt‟) übersetzt. Doch die Grundbedeutung des griechischen Grußes ist eigentlich „freue dich‟. Diese Bedeutung ist für die Verkündigung Mariä keineswegs ohne Relevanz. Darin kann eine Anspielung auf die Heilsbotschaft in Zeph 3,14.17 erkannt werden: „Juble, Tochter Sion, jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! … Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte als rettender Held‟ (Übers. Hamp – Stenzel).

Dieses Jahr fällt nun das Fest Mariä Verkündigung in die vierte Fastenwoche, nach dem Sonntag Laetare („Freue dich‟). Der Introitus dieses Sonntags (Isa 66,10 nach der griechischen bzw. altlateinischen Fassung) ist ein Aufruf an Jerusalem (in übertragenem Sinn: die Kirche), sich zu freuen. Die Liturgie verbindet diese Stelle aus Isaia mit einer anderen (Isa 54,1), die durch den Apostel Paulus in der Epistel dieses Sonntags (Gal 4,22–5,1a) zitiert wird. Die Stelle (Isa 54,1), worin einer unfruchtbaren Frau (dem verlassenen Jerusalem) zahlreiche Kinder verheißen werden, wird bei Paulus mit der Verheißung eines Sohnes für Sara, die unfruchtbare und betagte Frau Abrahams verbunden. Mit Hagar, seiner unfreien Frau, zeugte Abraham aus bloß menschlicher Initiative den Ismael. In der Schriftauslegung des Paulus versinnbildlicht die Sklavin Hagar das irdische Jerusalem: Dieses ist dem mosaischen Gesetz zufolge noch verknechtet, sodass ihre Kinder (die nicht-christlichen Juden) nicht frei sind. Im Gegensatz dazu wird Sara, die freie Frau, die aufgrund einer Verheißung Gottes den Isaak empfing, zum Symbol für jenes Jerusalem, das oben ist, „und das ist unsere Mutter‟ (Gal 4,26). Durch die Verbindung dieser Geschichte mit Isa 54,1 wird angedeutet: Die Unfruchtbarkeit des Heidentums wird durch die Aufnahme der Heidenchristen zur Fruchtbarkeit der kinderreichen Mutter Kirche.

Das Motiv des göttlichen Geschenkes eines Kindes an eine unfruchtbare Frau kommt mehrmals in der Geschichte der Patriarchen und Richter vor: Sara, Rebekka, Rachel, die Mutter des Simson und Hanna, die Mutter des Samuel. Diese Reihe wird am Anfang des Lukasevangeliums fortgesetzt in der Erzählung von der Empfängnis des Täufers Johannes durch Elisabeth. Die unmittelbar darauffolgende Episode ist ausgerechnet die Verkündigung Mariä. Hier ist der göttliche Eingriff sogar ein übernatürlicher Ersatz für eine natürliche Zeugung durch einen Mann: keine Heilung der Unfruchtbarkeit einer Frau, sondern eine Empfängnis durch eine Jungfrau. In diesem Vorgang, den die Glaubenslehre der Katholische Kirche stets als Tatsache erkennt, wird angedeutet: Die Menschheit kann sich ihre eigene Erlösung nicht selbst schenken. Vielmehr muss sie ihre Erlösung, in der Person des Erlösers, als reines Geschenk Gottes im Heiligen Geist empfangen.

Gewiss, die Erlösung durch Christus ist nur in denjenigen wirksam, die sie annehmen. Jeder muss, wie Maria, Gott sein eigenes „fiat“ („es geschehe‟) sagen. Der Empfang der Erlösung verpflichtet den Empfänger, Gott die Treue zu halten, wie Maria, die – nach der Glaubensüberzeugung der Kirche – ihre Gottesweihe als immerwährende Jungfräulichkeit bewahrte. Die Gnade ist Gottes freie Initiative, sie bleibt aber nicht einseitig in ihren Folgen.  (BG)